Maria und #metoo

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„Du nimmst uns unsere Eier weg. Machst du das, weil du uns als dein Eigentum betrachtest?!“

Er gibt mir recht und zuckt mit den Schultern.

„Warum bittest du uns nicht und wartest, bis wir sie dir freiwillig geben? Wenigstens diejenigen, welche wir nicht ausbrüten.“

Das hatte er garnicht auf seinem Schirm. Manchmal ist er auch so ein „Ich-kann-machen-was-ich-will“-Typ. Da fragt er nicht; nimmt sich einfach. Halbgott in disguise. Ob er es bei Frauen auch so macht?

„Wie kommst du denn jetzt von Eiern zu Götter?“ fragt er.

„Beide nehmen sich, ohne zu fragen, was immer ihnen genehm ist.“ sage ich

„Das ist aber ’n bissi weit hergeholt.“ Brummt er.

„Nö.“ flöte ich, „Ihr feiert das doch jedes Jahr.“

„?“

„Na, Weihnachten!“

Ich stelle ihm ein unschuldiges, junges Mädchen in einer patriarchalen Gemeinschaft vor; strenge Sitten und drakonische Strafen. Sie würde sich nie vor der Ehe einem geilen Jüngling hingeben, da bei Entdeckung Steinigung zum Tode eine gängige Folge war.

Und plötzlich war sie schwanger. Kann sich jemand ihr Entsetzen vorstellen?! „Wie geschah es, da ich doch keinen Mann erkannt habe?!“

Es geschah, weil ein Gott übergriffig wurde. Es war, so kennen wir es aus der Geschichte, nicht einmal der erste Gott, der übergriffig war.

Es gibt immer jemanden, der etwas „darf“, bei dem wir es zulassen müssen, daß er uns gegen unseren Willen behandelt. Was unser Nachbar nicht darf, dürfen die Götter. Was die Menschen sich, qua guter Manieren und Einsicht, verbieten, läßt Götter kalt. Und da das Verhalten der Götter prägend ist, haben sich die Menschen Gesetze gemacht, um sich ein wenig im Zaum zu halten.

§ 177 StGB – Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung. Was aber ist sexuelle Nötigung? Anders als bei Kindern geht der Gesetzgeber bei Erwachsenen grundsätzlich von der Fähigkeit der sexuellen Selbstbestimmung aus. In unserem Fall wurde Maria die Selbstbestimmung verweigert. Da sie in einer strikten Kultur lebte, durfte sie mit Fug und Recht Angst um ihr Leben haben. Was denkt sich ein Gott, wenn er solch ein junges, verängstigtes Mädchen schwängert und dann alleine läßt? Nix. Er ist ja Gott.

Es gibt heute noch eine Variante: Werden sexuelle Handlungen unter Ausnutzung einer Lage begangen, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, so ist dies ebenfalls der Straftatbestand der sexuellen Nötigung. Wir sehen also, daß sich heutzutage jeder Gott bei einer solchen Tat vor Gericht verantworten müßte, wenn nicht…… ja wenn nicht die Menschen den Göttern jede Schlechtigkeit durchgehen ließen. Und dieses Durchgehen lassen ist Vorbild für all diejenigen, die sich in göttlicher Mission befinden: Ehemänner, Vorgesetzte, Politiker, Amtsvorsteher, Kollegen, Headhunter und so weiter.

Und wenn sich auch in der Gesellschaft die Meinung breit macht, die Finger von dem zu lassen, was nicht das Eigene ist, eine jede Person über sich selbst bestimmen zu lassen, Grenzen zu achten und nicht übergriffig werden, dann kommt jedes Jahr wieder eine religiöse Begründung dafür, daß wir zwar nicht alles dürfen (im Zweifel überhaupt nichts selbst entscheiden), aber Götter dürfen sich über unseren Wertekodex hinweg setzen. Begründung: wir sind Eigentum der Götter. Sklaven eben.

Das Abendland nimmt sich selbst in Haft durch seine jährlichen christlichen Rituale. Es wird gelobt und besungen, was doch zutiefst angstbesetzt und inhuman ist. Im kollektiven Gedächtnis eingegraben, ist es schwer, nicht dem Vorbild der Götter zu folgen. Daher wird es mit #metoo wohl solange weiter gehen, bis Mann sagt: „So etwas tut man nicht.“ Und damit gut.

„Und,“ fragt er, „soll ich dich bei jedem Ei um Erlaubnis fragen?“

„Auch wenn deine Frage etwas lächerlich klingt – denn ein Huhn zu fragen kann sich nur ein Tierfreund vorstellen,“ sage ich ihm „Ja, soviel Zeit muß sein. Und wenn ich auch nur ein Huhn bin, es ist eine tägliche Übung. Du kannst sie überall anwenden. Vielleicht gleich bei deiner Frau?!“

Er schaut mich an und grinst mich an. „Recht hast du, Rita.“

Als ich später über den Hof schaue, sitzen beide bei langem Gespräch unter dem wilden Wein..