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Mein Hühnerhofherr schlurft mit hängenden Schultern zwischen uns, verstreut matt einige Körner und murmelt: „Ihr habt es gut. Keiner, der euch dauernd über die Schulter schaut, ob ihr alles getan habt, was ihr solltet und gelassen, was bäh ist.“ Müde setzt er sich auf die Bank und schaut angewidert zum Himmel hinauf. Ich verstehe ihn nicht. Hadert er mit seinem Himmel? Sein trüber Alltag ist überschattet von Vorschriften und Verboten, die er sich nicht selbst ausdachte. Dabei könnte er in seinem Universum so frei sein, wie es ihm beliebt.

Mit meinem scharfen Hühnerauge schaffe ich es ab und zu, in seine heiligen Bücher zu schauen. Was ich fand könnte für ihn im Grunde befreiend sein. Ich lese in 1. Mose 2, 9: „Und Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen (…..) und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ Da steht er! Welch ein Glück. Einmal davon genascht und man weiß Bescheid. Dann lese ich weiter, daß genau das passierte. Und was sagt der Allwissende?  Sauer ist er geworden. 1. Mose 3, 22: „Und Gott der HERR sprach: Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.“ War nicht mehr allein im Universum mit seinem Wissen, mußte es teilen. Wollte es nicht teilen. Zu spät! Rastete aus. Den Rest kennen wir.

Ich könnte meinem Hühnerboß sagen, Vorschriften einer unsichtbaren Entität benötigt er nicht. Er weiß selbst, was gut und böse ist. Aus innerem Antrieb kann er das angemessene tun, eigene Entscheidungen fällen, tun oder lassen, was ihm richtig erscheint. Das gab es schon seit Urzeiten und ist immer noch so. Aber er kann sich so schwer von seinem Sklavendasein lösen. Läßt sich Entscheidungskompetenzen nehmen, die er sich und für seine Nachkommen am Baum der Erkenntnis verdiente. Ein armes Würstchen, voller Angst vor der fernen Zukunft. Wir Hühner sind da anders. Wir wissen, was gut und was schlecht ist. Deswegen haben wir auch so leuchtende Augen.

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