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Er schaut in die Nester, entnimmt ein paar Eier und fragt, welche Erinnerung ich an mein Eisein habe. „Es war mehr ein Einssein als ein Eisein,“ bemerke ich. „In diesem Zustand erübrigt sich auch die Frage: Was war zuerst da – Huhn oder Ei?“ Es ist tief verschneit. Er wirft Salatblätter hin. Unser Geplauder bewegt sich Richtung Urgrund, Gott oder was immer auch im Anfang gewesen sein mag.

Wir unterhalten uns über den Großen Baumeister aller Welten, über den Erfinder des Universums. Natürlich können wir uns nichts darunter vorstellen, denn der Seinsgrund ist unvorstellbar. Mir fällt Mose ein, der ein Erlebnis beschrieb, welches uns Licht bringen könnte. In Exodus 3, 14 wird Mose mit einem brennenden Busch konfrontiert, in dem Gotte יהוה, JHWH, über sich selbst sagt: er se אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה, ’æhejæh ’ašær ’æhejæh, „ich werde sein, der ich sein werde.“ Genau betrachtet liegt hierin ein Schlüssel zum Verständnis unterschiedlicher Gottesvorstellungen in der Menschheitsgeschichte. Dieser Satz wird oft auch mit „Ich bin, der ich bin“ übersetzt. Er führt aber auf eine falsche Fährte.

Gott ist nicht, Gott geschieht. Gott ist ein Prozeß, etwas Unfertiges.

Der Prozeß als ein System von Bewegungen, als Hergang, Ablauf und Vorgang. Ein stochastischer Prozeß als die mathematische Beschreibung von zeitlich geordneten, zufälligen Vorgängen. Als deterministischer Prozeß, bei dem jeder Zustand kausal von anderen, vorherigen, abhängig ist und von diesem bestimmt wird. Wie leicht ist es nun, Raum, Zeit, Heisenbergs Unschärferelation, Schuld und Karma zusammen zu bringen, um sich ein religiöses Konzept zu basteln, in dem Hoffnung, Liebe, Glaube, sowie Belohnungen & Strafen ihren Platz haben. Würde dann Unterwürfigkeit das Resultat sein, fehlte auch der freie Gedanke, ist das schöpferische Desaster vorprogrammiert. Der göttliche Prozeß aber benötigt tätige, kritische und selbstbewußte Mitarbeit.

Wir haben also das Bild eines Werdenden und des Feuers, Lebendiges Sein, schöpferische Energie. Man könnte Lichtsuchern, die in beheizten Räumen und windigen Ecken stehend diskutieren, darauf hinweisen, bei sich selbst zu suchen. Bedingung der Meisterschaft wäre, das Γνῶθι σεαυτόν Gnōthi seautón verstehen zu wollen. In diesem Sinne ist das Bild eines Baumeisters, eines Lebenskünstlers sehr klar, denn wäre der Bau vollendet, müßte er zum Museumswärter umschulen. Ein Baumeister benötigt allerdings auch Helfer, die gemeinsam mit ihm das Bauwerk gestalten. Jeder nach seinem Kenntnisstand, jeder nach seinem Vermögen. Um Pläne umzusetzen mag wohl der 24-zöllige Maßstab hilfreich sein, der Winkel und der Zirkel. Seine Zeit mit Weisheit zu gestalten heißt, in diesem schöpferischen Prozeß gemeinsam mit dem Baumeister selbst Baumeister zu sein. Wir haben es in der Hand, abhängig von unserem Engagement, Durchsetzungskraft und unserer Zielvorstellung, was aus diesem schöpferischen Prozeß, was aus dieser Welt wird, wenn wir eine Idee in das Leben bringen. Je klarer diese lebendige Idee ist, umso schöner wird das Bauwerk.

Aus der Vorstellung heraus, einen Prozeß bildnerisch kaum darstellen zu können ist das Bilderverbot der monotheistischen Religionen verständlich. Aber genau so gut kann man sich dennoch ein Bild oder viele Bilder der Götter machen, da diese Bildvorstellungen stets im Wandel sind und der Wahrheit nicht auf Daumenbreite nahe kommen. Kluge Menschen lassen deshalb auch beispielsweise beklemmende Karikaturen zu. Diese Überlegungen haben so garnichts mit dogmatischer Auslegung religiöser Schriften zu tun hat. Selbst ein Atheist oder Agnostiker könnte ein guter Baumeister sein, hilfreich seinen Mitmenschen gegenüber, sozial und engagiert in der Gemeinde. Doch leider besteht in den meisten Zirkeln und mit Vorschriften ummantelten Gemeinschaften wenig Bereitschaft, sich auf eine andere Art, die Welt zu verschönen, einzulassen. Solange uns die Neugier fehlt, bleibt die Erde flach.

Er zählt die Eier meiner Mithühner. Was war also zuerst? Das ist auf unserem Hof keine Frage. Die Frage ist wohl: Wie werden wir unsere Gemeinschaft gestalten, wenn wir selbst Teil des offenen schöpferischen Prozesses sind?! Panta rhei……..

Er: „Man hätte es sich ja denken können.“
Ich: „Mann – ja. Wir Hühner wußten es schon immer.“

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