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Von Gadamer berichtete man: „Wenn er dozierte, sah man die Dinge vor sich, als ob sie körperlich greifbar wären.“ Nur auf Grundlagen seiner Notizen vorzutragen – dies war eine der Möglichkeiten, durch die er seine Vorlesungen auf die Bedürfnisse der anwesenden Studenten konzentrierte. Er sprach nicht für und mit sich, er wollte, daß die Anwesenden im Text gewahr wurden, etwas begriffen zu haben. Der Student, der Gesprächspartner war ihm wichtig.

Hingegen sonstige Vorträge, Fernsehsendungen, Reden: meist lesen die Sprecher vom Blatt und die Zuhörer finden das in Ordnung. Zwar ist bei rauschendem Redefluß das Hören und Vertstehen schwierig, Nachfragen sind kaum möglich, das Mitdenken erschwert. Oft hindert auch eine schlechte Akustik, genau hinzuhören. Den Rednern ist das meist schnurz. Der Text wird abgeliefert, das Publikum ist nur Staffage. Aber es ist gewohnt, daß es nicht darauf ankommt etwas zu begreifen. Es ist froh, bei einem Event anwesend zu sein.

Hegel brauchte in seinen Vorlesungen bis zu 10 Minuten Denkpausen zwischen den gerade erst gedachten und ausgedrückten Sätzen. Sein vielzitierter Satz von der „Anstrengung des Begriffs“ entsprach seiner Erfahrung des Selberdenkens. Anstrengend war es für beide Parteien, sich Pausen auszusetzen, Geduld zu üben ohne ungeduldig zu werden. Die Studenten konnten mitschreiben und hatten genügend Zeit den vorgedachten Satz nachzudenken; einem Prozeß beizuwohnen, bei dem man an der Entwicklung einer Idee beteiligt war.

Leider bekommt man heute Textschablonen vorgesetzt, in einem Zeitrahmen, der es verunmöglicht, schöpferisch mitzuarbeiten. Bei Sendungen, die nicht „Gespräche über oder mit...“ sondern bezeichnenderweise „Talkshow“ heißen, wird auch ein angesetzter Gedanke recht häufig durch das Dazwischenquatschen und respektloses Unterbrechen des Redenden zerstückelt. Es kommt auf die Show an, weniger auf den Inhalt. Und so lernt der Zuhörer, sich zu fügen, lernt, daß das Gegenüber kein großes Interesse an einem echten Gespräch hat. Zu einem echten Gespräch gehört aber in erster Linie die Neugier auf den Gesprächspartner sowie eine gewisse Offenheit für gedankliches Reisen. Es gehört ganz wesentlich Zeit dazu, die man mit etwas Eigenem füllen kann. Bei Hegel und Gadamer wären die Zuhörer in dieser Hinsicht in guten Händen gewesen.

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