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Der Mensch ist für Kierkegaard als ein Selbst angelegt, mit der Bestimmung, er selbst zu werden. Es geht um den Einzelnen, der sein jeweils eigenes Leben führen muß. Das scheint banal, klingt auch so garnicht nach einem fertigen Endprodukt. Werden, Entwicklung ist eine universelle Tatsache. Es gibt keinen Stillstand. Nirgends. So ist der Mensch auch kein Ich im statischen Sinn, sondern ein sich wandelndes Werdendes. „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ beschreibt dies Ernst Bloch in seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie.

Unfertiges produziert Unfertiges. Meine Überzeugungen ändern sich doch ständig. Auch daraus ergibt sich die Notwendigkeit, mein Selbstbild immer wieder zu korrigieren. Selbst wenn ich mir von Anfang an im Klaren darüber wäre, wer ich bin, wären meine Vorstellungen von einem gelingendem Leben mit zwanzig andere als mit fünfzig. Zum einen deswegen, weil ich mit fünfzig mehr über mich weiß und mich besser einzuschätzen gelernt habe. Was als Desillusionierung erlebt wird, als das Platzen von Träumen, kann ich also auch positiv als Erkenntnisgewinn sehen, als Abschied von falschen Selbstbildern. Der Prozeß des Sich-Selbst-Kennenlernens ist also: Ich lerne das an mir kennen, was sich im Laufe des Lebens als stabil erhält, muß aber immer wieder das integrieren, was sich in meiner Persönlichkeit verändert. Dieses sich verändernde Selbstbild, die Einschätzung der eigenen Persönlichkeit also, muss sich nun auf jeder Stufe neu mit den Möglichkeiten und Einschränkungen der Welt auseinandersetzen. Und ich bin meine Welt.

Es gibt einen Satz, der mich immer wieder ärgerte: Matth. 7, 1: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ Man wird doch wohl noch eine eigene Meinung haben dürfen, oder?! Dieser Satz geht aber noch weiter: „2. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.“ Ach so…

Ich würde ja ab und zu gerne Kritik üben, aber bei genauerer Betrachtung sehe ich mich genötigt, erst einmal meine Entscheidungsgründe zu reflektieren. Welches Maß lege ich an, nach welchen Maßstäben beurteile ich etwas? Wieso sollte ich Recht haben? Zu welchem Zeitpunkt verändert sich Rechhaberei in Recht haben?

Verstehe ich denn ausreichend? Ich muß mich einlassen, wenn ich etwas beurteilen möchte. Raimon Panikkar beschreibt es so: „Verstehen läuft auf Überzeugtsein hinaus (….) Das Verstehen einer Ansicht läuft auf das Verstehen der inneren Stimmigkeit dieser Ansicht hinaus. Mit anderen Worten: Verstehen schließt ein, daß die verstandene Aussage (und nur diese) für wahr gehalten wird.“ Daraus folgert er: „Verstehen ist ein riskanter und wagemutiger Prozeß, weit entfernt davon, unverbindlich oder unpersönlich zu sein. Die ganze Person ist in den Prozeß des Verstehens eingegangen.“ Das Dilemma der schnellen Kritik besteht aus der Ablehnung dieser Schlußfolgerung. Ich habe nämlich verstanden, was den Anderen umtreibt und damit seine Position übernommen, bin aber zu schnellem Verdrängen bereit. Es ist die Furcht, mich selbst, oder das, was ich dafür halte, zu verlieren. Mut hingegen ist die Frucht der Erkenntnis, ein Maß gefunden zu haben, welches zwar abseits meiner eigenen Erfahrung liegt, aber dennoch gültig ist. „Richtet nicht…“ ist also auch die Aufforderung, nicht kleingeistig und rigide über etwas zu urteilen, sondern mit Verständnis zu einem guten Richtmaß zu kommen, welches wir auch für uns akzeptieren.

Hierzu paßt auch Hans-Georg Gadamers Aussage: „Offenheit für den Anderen schließt also die Anerkennung ein, daß ich in mir etwas gegen mich gelten lassen muß, auch wenn es keinen anderen gäbe, der es gegen mich geltend machte.“

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