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Simone Weil schrieb einmal, Liebe sei eine Voraussetzung dafür, daß neue Gedanken in die Welt kommen können, denn „ein Mensch, der etwas Neues zu sagen hat, kann zuerst nur bei denen Gehör finden, die ihn lieben.“ Weil man nämlich nur dann diesem neuen Gedanken überhaupt die nötige Aufmerksamkeit entgegenbringe, um ihn verstehen zu können. Lieben als eine bestimmte Art und Weise, sich zu etwas in Beziehung zu setzen.

Jemanden oder etwas zu lieben bedeutet nicht, allem zuzustimmen oder alles richtig zu finden, was diese Person tut. Ganz im Gegenteil: Solange ich mich nur an etwas oder jemanden binde, weil es mir nützlich ist, weil es mit meinen eigenen Interessen übereinstimmt, weil ich es rational betrachtet richtig und unterstützenswert finde – solange ist Liebe ja gar nicht nötig. Liebe bedeutet vielmehr Ernstnehmen des oder der Anderen gerade in ihrer Andersheit, wohlwollende Zuwendung, die Bereitschaft zum Staunen und Entgegenkommen, und den Verzicht darauf, sofort den eigenen Maßstäben und Überzeugungen gemäß ein Urteil zu fällen. Ich finde, all dies sind nicht nur zwischenmenschliche, sondern auch dezidiert politische Tugenden.

Wenn wir lieben, lassen wir sein – aber in keiner Weise gleichgültig: Dieses Lassen ist ein Kommen-Lassen, ein Güte und Schutz anbietendes, ein Ermutigen: zum Freisein, Du-selbst-Werden, zum Sich-Halten in jener Fremdheit, die zwar weh tut, ohne die man aber nicht man selbst wäre und sich nicht aus sich selbst entfalten könntest. Dies muß man aushalten können. Dies ist im gesellschaftlichen Kontext Toleranz.

Durch Liebe erfahren Menschen Anerkennung und können Selbstvertrauen ausbilden, welches die Voraussetzung eines Selbstwertgefühls ist. Liebesbeziehungen sind die Basis dafür, daß wir Abscheu vor Unmenschlichkeit empfinden, daß wir Glück wahrnehmen, das nicht aus dem Unglück anderer hervorgeht, kurz: daß wir in der Lage sind, mitzufühlen und zu verstehen. Dazu fällt mir das Lied „Schrei nach Liebe“ der Ärzte ein.

Liebe ist die Voraussetzung dafür, gegen Leid anzukämpfen und für Gerechtigkeit einzustehen. Liebe und Gerechtigkeit gehören zusammen, auch wenn Ersterer die Priorität zukommt. Gerechtigkeit ist in ihrem Kern politische Liebe. Sie gründet in dem Bedürfnis, „Leiden beredt werden zu lassen“ (Theodor W. Adorno). Auf dieser Ebene des Denkens kann der Boden für ein künftiges Zusammenstehen und Zusammenwirken gewonnen werden, in gemeinsamer Abwehr gegen das Ahumane, des Unmenschlichen, unter welchen politischen oder konfessionellen Vorzeichen auch immer es auftritt.

Um der Gerechtigkeit politisch zur Geltung zu verhelfen, bedarf es nicht nur eines klaren Verstandes, sondern auch einer positiv-emotionalen Bindung der Bürgerinnen und Bürger an diese gemeinsame Sache. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von Hingabe. Nussbaum nennt es Liebe. Persönlichkeiten wie Lincoln, Gandhi und Martin Luther King haben davon ebenso gewußt wie Rabindranath Tagore. Aristoteles z.B. war der Ansicht, eine Polis, in der die Bürger einander freundschaftlich, also liebend, verbunden sind, sei stabiler, weil die Bürger sich dann in ihrem politischen Umgang mehr um Gerechtigkeit bemühen und nicht einfach auf die Gesetze verlassen.

Politik entsteht zwischen den Menschen, nicht im Menschen. Grundlage muß eine auf Empathie, Anerkennung und Respekt vor individueller Besonderheit gegründete Gerechtigkeit sein. Aber das muß über die Abschaffung von Hunger und Armut, des gröbsten Unrechts und der empörendsten Ungleichheit, hinausgehen und auf mehr als Mitleid gegründet sein.

Und dann gilt es die Liebeserfahrung dauerhaft zu machen: Das geht nur als wirklichkeitsverändernde Praxis, die zwar privat beginnen mag – als Gründung einer auf Liebe gestellten Familie oder Bau eines Hauses (worunter vielerlei zu verstehen ist), als freies Bündnis wie das von Beauvoir und Sartre kennen – , aber voller politischer Implikationen steckt: Man muß den Diskurs mit Anderen suchen und ihre Unterstützung; auf Politik sinnen, Veränderung der Verhältnisse in gemeinsamer Praxis, wenn die Liebe am Leben bleiben soll.

So motiviert also die Liebe von sich aus zu politischem Handeln, und wenn uns ein solches auch zunächst eher im persönlichen Umfeld, im Kinderladen, im Hospiz, in einer Bürgerinitiative, in einer Veranstaltung des Gedenkens begegnen wird, so führt es doch auch zu politischer Betätigung im engeren Sinne.

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