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Ich: „Du siehst aus, als hättest du etwas verloren.“

Er: „Ja, ein Wort.“

Hattest du denn jemals eines?

Ich dachte schon.“

Und dann erzählt er mir von der Ermordung eines Meisters durch drei seiner Gesellen. Auch sie wollten das Wort besitzen. Sie wollten sich durch das Wort als Meister ausweisen. Sie wollten keine Belehrungen mehr, sondern Ruhm und mehr Geld. Wahres Wissen verschmähten sie. Doch einen Meister kann man nicht töten.

Weder im Zen noch in einer anderen buddhistischen Schule sagt man, daß der Tod ein Verlöschen ist. In der Unterweisung Buddhas spricht man von der Auslöschung der drei Gifte: Unwissenheit, Begierde und Hass. Tod ist Transformation. Drei Gesellen, die nicht wußten, daß sie mit untauglichen Mitteln nach Erkenntnis strebten.

Das Wort ist nicht verloren. Es gab es nie.

Insofern konnte der Meister das Wort nicht verraten. Jedes Wort ist Begrenzung. Jeder Buchstabe ist Begrenzung. Das Geheime Wort ist geheim, weil es kein Wort ist. Es ist der Zustand des Unaussprechlichen. Was die Gesellen nicht verstanden haben ist, daß Zustände nie angemessen in Worte zu fassen sind. Alle Worte sind nur Annäherungen an innere Prozesse und deren Begleiterscheinungen. Ein Wort ist manchmal der Schlüssel zu einer Türe; das Betreten eines neues Zimmer ist aber davon unabhängig, wenn die Türe offen ist. Der Meister wurde zum Meister durch das Hindurchtreten.

Dieses Hindurchtreten, unio mystica, ist grenzenlos. Ein Ozean des Schreckens, wenn man sie verzweifelt verlangt. Sie ist so anders. Ein ewiges Meer der Erkenntnis. Da ist ein Weg: Unfertiges unfertig lassen.

Meister Eckhart sagt: „So unmöglich es ist, daß Gott das Wesen verliert, das er ist, so unmöglich ist es, daß Gott sein ewiges Wort in Bildern oder in Lauten aussprechen kann.“

Liebe ist da ein Gleichnis. Wenn das Überpersönliche den Mitmensch vereinnahmt. Wenn jemand ohne nachzudenken sagt: „He’s my brother.“ Wenn Menschenliebe über das Einzelne zum Familiären und hinaus zur Gruppe geht, vervielfacht und grenzenlos. Vorbehaltlose und bedingungslose Liebe. Wo keine Erwartung an den anderen die Begegnung trübt, wo keine Forderung nach Anpassung an die eigenen Regeln ein Begegnungshindernis ist, öffnet sich das Wesen für ein unaussprechliches Mehr. Meisterschaft ist die Überwindung der Regeln durch eben dieselben. Das haben die Gesellen nicht verstanden.

Einst, während einer seiner Predigten, hielt Buddha eine Blume empor, ohne auch nur irgend ein Wort zu äußern; nur einer seiner Schüler, Kasyapa, erwiderte diese Geste mit einem Lächeln – womit er sein vollkommenes Verständnis der grundlegenden Wirklichkeit dieses Augenblicks offenbahrte.

Suchst du nun weiter?

Nein. Ich denke nicht.“

Wir saßen noch eine Weile wortlos im Hof. Es fühlte sich gut an.

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