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Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, da sitzt er schon im Hof.

So früh schon?“ frage ich.

Sie ist tot… meine Schwester.“ murmelt er.

Es kommen manchmal unpassende Umstände zusammen. Seine Frau ist im Urlaub, er mit uns allein auf dem Hof. Wir brauchen ja einen Aufpasser. Jetzt, wo andere feiern, stirbt seine Schwester langsam. Er muß hier bleiben. Kann nicht runter fahren, sich um die Familie kümmern. Er sitzt wie ein Häufchen Elend auf der Bank.

Es kommt so plötzlich, daß man wehrlos der Leere gegenüber ist. Die sich hinein bohrt und ihr schwarzes Lager mitten in der Seele aufschlägt.“ sagt er leise. „Ich würde sie so gerne hinausschwätzen. Ich würde sie betrunken machen und mit all der Trauer auskippen und vergraben.

Er bräuchte jemanden, mit dem er wirklich sprechen könnte, der ihn in den Arm nimmt oder ihn auf ein Bier einlädt zum reden. Aber da ist niemand. Wenn er wegfahren könnte, dann wüßte er, wohin. Aber so…

Du hast nix davon auf Facebook gepostet?“ frage ich. „Merkt da keiner etwas?

Ich bekam von Followern auf Twitter Nachfragen und Beileidsbekundungen. Von Leuten, die ich oft nicht mal persönlich kenne. Auf Facebook bin ich persönlich bekannt. Aber die Zeichen gingen an ihnen vorbei. Naja, eine Person hat nachgefragt. Eine Person.

Ich bin ehrlich verblüfft. Und Hühner sind nicht wirklich schnell zu verblüffen. Hühner sind cool.

Aber du erzählst doch oft über Achtsamkeit, Arbeit mit Symbolen und Zugewandtheit. Ist das nur in besonderen Räumen euer Thema oder hat es auch im richtigen Leben eine Bedeutung?“ will ich wissen.

Ach, vielleicht war ich auch nicht deutlich genug. Ein Freund postete gerade: >>Sei wer Du bist und sag, was Du fühlst. Denn die, die das stört, zählen nicht und die, die zählen, stört es nicht.“ – Theodor Seuss Geisel<< Aber das kann ich nicht so einfach. Sie haben alle mit sich selbst zu tun. Urlaub. Probleme. Erkenntnissuche. Da komme ich nicht gern um zu sagen, mir geht es beschissen.

Ich schüttele meine Federn aus und hüpfe auf seinen Schoß.
Mich interessiert es.“

Ach Rita…“ sagt er, „Das Ganze erinnert mich an Montaigne, der schreibt: >>Hier in der Einsamkeit reduziert der Mensch sich auf sich selber. Unser Leid sitzt in der Seele, diese kann aber nicht von sich selber los; so muß man sie auf ihr Wesentliches zurückführen und darin zur Ruhe kommen lassen: Das ist die wahre Einsamkeit; sie kann auch mitten in der Stadt oder im Gedränge eines Königshofes genossen werden, aber abseits hat man mehr davon.<< Ich habe hier tatsächlich „mehr“ davon. Facebookgeplapper, Twittergezwitscher – alles hat seinen Platz, aber wenn das persönliche Moment fehlt, taugt es nichts.

Er schaut über das Land und zeichet mit den Blicken die Horizontlinie, die Büsche & Bäume nach.

Ich setze mich in’s Nest und warte auf mein tägliches Ei.

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