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Unter den Olivenbäumen brennt ein leichtes Feuer; beleuchtet die Gesichter der fünf Männer, die sich zum Abendsegen zusammen finden. Schafe schnobern in ihrer Hürde. Wein wird ausgepackt und Käse und Brot. Die Dämmerung ist doch ziemlich kalt. Man rückt zusammen, hüllt sich in Decken und beginnt zu essen.

Sie lagern in einem Hain südlich von Jeruschalajim. Obwohl weg von zu Hause, wollen auch sie Chanukka feiern, am 25. des Monats Kislew. Sie freuen sich darauf. Die Chanukkia lagert noch von letztem Jahr in der alten Hütte. Kerzen hat jeder mitgebracht, Öl, Sufganiot und Latkes. Man würde so gerne mit der Familie feiern, aber man will die Schafe nicht unversorgt lassen.

Jeder ißt, trinkt ein paar Schluck, sinniert in das flackernde Feuer. Hier ist es gerade so friedlich, wenn man bedenkt, daß seit einiger Zeit eine Menge Reisende unterwegs ist. Es gibt offenbar eine Volkszählung. Herodes, jener römische Statthalter, möchte die Bevölkerung an ihren Geburtsorten versammelt sehen. Sehr seltsam – man kann auch anders zählen. Aber nein, fast die Hälfte der Bevölkerung ist jetzt als Tourist unterwegs. Und das bei diesen ungemütlichen Temperaturen.

Der Weg nach Bet Lechem ist unbelebt, so scheint es. Da hören sie leisen schleppenden Tritt von Hufen über den kargen Weg. Drei Maultiere traben heran – ein ächzendes „Halte bitte an!“ ist zu vernehmen.

“ Mirjam, was ist los? Möchtest du eine Pause machen?“
„Ja. Ich kann kaum noch weiter.“

Sie halten, der Mann steigt ab, hebt die Frau vom anderen Maultier herunter. Sie setzen sich an den Wegesrand. Einen sehr langen Weg legten sie zurück; ihre Tiere sind geduldig, aber müde.

„Ich sehe drüben Feuer.“ sagt der Mann, „Ich schaue mal nach, ob wir uns wärmen können.“

Er geht zu den Hirten, die ihn verhalten begrüßen. Fragen nach dem woher und wohin werden gestellt.

„Mein Name ist Yoseph. Wir kommen aus Galiläa und müssen wegen der Volkszählung nach Bet Lechem. In Jerushalajim haben wir nicht übernachten können. Alles voller Reisender. Ich dachte, wir schaffen es noch. Meine Frau ist schwanger und ich fürchte um das Kind. Die Reise war so belastend. Und ja, wir sind nicht verheiratet.“

„Na so bekommt ihr sicher kein Hotelbett im Ort.“
„Ich dachte mir schon sowas. Aber was soll ich machen? Sie kann nicht mehr. Und offen gesagt befürchte ich, daß es jederzeit los gehen kann.“

Die Hirten schauen einander an, beratschlagen sich und entscheiden, daß das Paar wenigstens heute nacht in ihrem Stall unter kommen können. Zwei von ihnen gehen zur Frau, die mit geschlossenen Augen, heftig atmend, am Olivenbaum lehnt. Die anderen drei bemühen sich zum nahe gelegenen Stall, um ihn ein wenig herzurichten. Stroh für einen Schlafplatz. Licht von der Öllampe. Der alte Ochse schnaubt ein wenig Wärme in den Raum. Platz für die drei Maulesel ist geschaffen.

Ein leiser Schrei durchschneidet die kalte Nacht.

„Die Wehen! Schnell unter’s Dach!“

Starke Arme stützen die Frau, legen sie sanft in die Ecke auf das Stroh. Ihr Verlobter steht ratlos im Weg. Er ist Handwerker, ein guter gar, hat aber keine Ahnung, was in dieser Situation zu tun ist. Sie schieben ihn vor die Tür.

„Guck nach dem Feuer draußen und mach‘ heißes Wasser. Drüben ist ein Bach. Du kannst ihn dort unten hören.“

Er zaudert, nimmt einen Eimer, er geht. Die Schäfer helfen bei der Geburt. Sie können das. Ungezählte Lämmer haben sie schon zur Welt gebracht.

Yoseph kommt vom Bach, stellt den Eimer über das Feuer und horcht. Dumpfe Rufe, weinen, lautes Stöhnen – dann Ruhe …

Ein Quäken. Laut und deutlich.

Yoseph läuft zur Tür, reißt sie auf und schaut um sich. Im Geburtschaos auf dem Stroh liegt mit einem erschöpften, aber glücklichen Lächeln Mirjam.

„Es ist ein Sohn.“ sagt einer der Hirten, „Ein strammes Kerlchen. Aus dem wird noch mal was.“

Alle lachen. Lachen erleichtert, froh, daß alles so reibungslos geklappt hat. Ein Hirte nimmt den Eimer vom Feuer um Mirjam bei der Säuberung zu helfen. Ein anderer beruhigt die Tiere.

„Wie soll er heißen?“
„Yeshu.“
„Wilkommen Yeshu! Laßt uns feiern.“

Nachdem Mirjam ein wenig zurecht gemacht ist, Yeshu sauber und in Lammfell eingewickelt, legen die Hirten Öl, Sufganiot, Latkes und Wein auf eine Decke. Sie stellen die Chanukkia auf, versorgen sie mit acht Kerzen und sitzen still beieinander. Fünf Hirten, ein Paar und ein selig schlafendes Kind. Man sagt drei Berachot. Lichter werden angezündet, um das Wunder zu verkünden. Latkes wird gegessen, Wein getrunken.

„Schau nur,“ sagt ein Hirte „Wir sind sieben Leute. Das Kind aber ist das Achte.“ Die Zahl acht war immer schon eine Andeutung für Ewigkeit, für alles Zeitlose.

Nie war ihnen das diamantene Sternenzelt über den Ölbäumen näher.

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